Thema

Trotzdem: Gerechter Friede bleibt das Ziel

Im letz­ten Herbst erschien eine seit lan­gem über­fäl­li­ge neue Friedensdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Hier die wich­tigs­ten Grundgedanken:

Als Leitbegriff zur Ausarbeitung einer christ­li­chen Haltung zu die­ser Frage dient nicht wie in der christ­li­chen Tradition so oft der „gerech­te Krieg“, son­dern der „Gerechte Friede“. Das ist ein wich­ti­ger Unterschied.

Vier Dimensionen des gerech­ten Friedens stellt die Denkschrift vor:

  • Schutz vor Gewalt: Die Möglichkeit, Menschen vor Angriffen und Krieg zu schützen.
  • Förderung von Freiheit: Menschen müs­sen ihre Meinung, ihren Glauben und ihre Berufswahl frei aus­üben können.
  • Abbau von Ungleichheiten: Extreme Ungleichheiten ber­gen Konfliktpotenzial und müs­sen abge­baut werden.
  • Friedensfördernder Umgang mit Vielfalt: Der Umgang mit kul­tu­rel­ler und reli­giö­ser Vielfalt muss so gestal­tet wer­den, dass er den Frieden nicht gefährdet.

Mit die­sen Dimensionen wird – und das hal­te ich für sehr gut – der Begriff des Friedens über den eines blo­ßen Waffenstillstandes herausgehoben.

Hinsichtlich krie­ge­ri­scher Gewalt macht die Denkschrift dann fünf Kerninhalte aus:

  1. Schutz vor Gewalt als Priorität: Der Schutz von Menschen vor Gewalt, Bedrohung und Krieg wird als höchs­te Priorität ein­ge­stuft, noch vor ande­ren Dimensionen des Friedens.
  2. „Rechtserhaltende Gewalt“: Die Denkschrift spricht sich dafür aus, dass Gewalt unter bestimm­ten Umständen als Mittel zum Schutz ange­wen­det wer­den darf. Dies ist eine Abkehr vom abso­lu­ten Gewaltverzicht.
  3. Verantwortung bei Gewaltanwendung: Die Anwendung von Gewalt ist kei­ne ein­fa­che Lösung, da sie immer mit Schuld ver­bun­den ist. Dennoch wird staat­li­che Verantwortung betont, Gewalt nicht zuzu­las­sen und Menschen vor Gewalt zu schützen.
  4. Dilemma der Gewaltanwendung: Die Kirche erkennt das Dilemma, dass Gewaltanwendung nie­mals ohne Schuld ist, aber dass es gleich­zei­tig eine Schuld ist, Gewalt zuzu­las­sen, wenn Menschen bedroht sind.
  5. Vermeidung von Eskalation: Die Denkschrift for­dert, dass Entscheidungen über Waffenlieferungen und Rüstungsexporte dar­an gemes­sen wer­den müs­sen, ob sie eine Eskalation der Gewalt verhindern.

Die Friedensdenkschrift äch­tet Atomwaffen – wie schon das Vorgängerpapier – als frie­dens­ethisch nicht zu recht­fer­ti­gen. Zugleich hält sie es aber auch für akzep­ta­bel, dass die Drohung mit Atomwaffen einer wir­kungs­vol­len Verteidigung die­nen kön­ne. An die­sem Punkt fängt mei­ne Kritik an: Jedem Versuch, nuklea­re Abschreckung theo­lo­gisch oder ethisch zu legi­ti­mie­ren, ist m.E. ent­schie­den zu wider­spre­chen. Die Logik der Denkschrift schei­tert, sobald die Frage des Einsatzes von Atomwaffen akut wird: War die Drohung also nur eine lee­re? Leere Drohungen aber scha­den dem Frieden mehr als sie nüt­zen. Zusammenfassend möch­te ich sagen, dass es mir gut­tut, dass mei­ne Kirche ein aktu­el­les, dif­fe­ren­zier­tes Papier zu die­sem wich­ti­gen Thema vor­legt, an dem man sich nicht nur ori­en­tie­ren, son­dern auch rei­ben kann. Es mag allen LeserInnen eine Anregung zur per­sön­li­chen Stellungnahme sein (auf der Website der EKD ist der kom­plet­te Text als PDF kos­ten­los verfügbar).

Auf der Website der EKD kann man die Friedensdenkschrift als PDF her­un­ter­la­den oder eine gedruck­te Ausgabe bestellen:

https://www.ekd.de/friedensdenkschrift-2025–91393.htm

Ein Text von
  • Pfarrer

Ich wur­de 1964 in Bremen gebo­ren, wuchs im hes­si­schen Hinterland bei Biedenkopf auf und habe 1984 in Bad Laasphe mein Abitur erwor­ben. Ich stu­dier­te in Marburg, Sao Leopoldo/Brasilien und Kassel evan­ge­li­sche Theologie. Mein Vikariat absol­vier­te ich in Darmstadt und bin seit 1997 Pfarrer der Evangelischen Markus-Kirchengemeinde Butzbach. Verheiratet bin ich mit Dr. Katharina Vossmeyer, wir haben eine Tochter.

Ein Beitrag aus dem

Gemeindebrief 183
Ausgabe 2026/2

Titelthema:
Trotzdem.

Seite 6