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Der Bedrohung trotzen: gemeinsam und durch Rituale

In Zeiten, in denen Krisen gro­ßen Raum ein­neh­men, ist es gut, die Kontrolle zurück­zu­ge­win­nen. Das beginnt im Kleinen und geht beson­ders gut gemein­sam. Diplom-Psychologin und Publizistin Marina Weisband erklärt in einem Vortrag*, wie durch die Umwandlung von Stress zu Verbindungen zwi­schen Menschen Resilienz ent­steht. Eine Zusammenfassung.

Resilienz bezeich­net in der Psychologie die Fähigkeit von Menschen, in sich ver­än­dern­den, mit­un­ter schwie­ri­gen Lebenssituationen, Krisen und Rückschläge zu meis­tern. Menschen haben unter­schied­lich stark aus­ge­präg­te Resilienz, aber man kann sie trai­nie­ren und stärken.

In ihrem Vortrag gibt Marina Weisband gleich am Anfang ein sehr per­sön­li­ches Beispiel: Seit 2020 ist sie am chro­ni­schen Erschöpfungssyndrom ME/CFS erkrankt, des­halb muss sie sich öfter zwi­schen­durch hin­le­gen. Also hat sie sich eine Tasche genäht, die gleich­zei­tig ein Kissen ist. Und sie hat sie mit bun­ten Blumen bestickt. „Ich mache mir alles, was mit mei­ner Krankheit zu tun hat, schön. Und ich mache es mit Blumen, weil ich dann Kontrolle über­neh­me. In dem Moment, wo ich Kontrolle über etwas über­neh­me, das ich nicht kon­trol­lie­ren kann, […] bin ich nicht mehr Opfer. Ich bin jetzt Gestalter.“

Es geht ihr aber nicht nur um den Umgang mit ganz per­sön­li­chen Rückschlägen, son­dern um die Resilienz einer Gesellschaft. Weisband, die 1987 in der Ukraine gebo­ren wur­de und seit 1994 in Deutschland lebt, nimmt dazu als Beispiel die Menschen in der Ukraine. Krieg zer­stört Menschlichkeit, schürt Hass und Wut. Sie sagt, die Menschen trot­zen dem. „Sie schrei­ben Lieder, fei­ern Hochzeiten, haben Humor“. Rituale sei­en wich­tig. Man wis­se von KZ-Überlebenden, dass die­je­ni­gen am bes­ten über­lebt haben, die Lieder und Gedichte hat­ten, die Feiertage gefei­ert haben – und die sich um ande­re Menschen geküm­mert haben. Letzteres wird im Verlauf ihres Vortrags noch eine wich­ti­ge Rolle spielen.

Zunächst aber erläu­tert sie, wie sehr auch unse­re Demokratie durch Desinformationen und media­le Kampagnen bedroht ist. Und dass man sich klar­ma­chen soll­te: „Die Welt, die wir über klas­si­sche Medien und über Social Media wahr­neh­men, ist sys­te­ma­tisch schlech­ter, als die Welt in Wirklichkeit ist.“ Weil sowohl in klas­si­schen als auch und erst recht in sozia­len Medien der Negativismus über­pro­por­tio­nal vorkommt.

Umso wich­ti­ger sei es, raus zu gehen, die Welt zu sehen, Menschen zu begeg­nen. Und ganz bewusst Dinge zu tun, die einen selbst und ande­re stär­ken. Sie beschreibt drei Stufen:

  1. Schönes kon­su­mie­ren: Kunst anschau­en, schö­ne Musik, posi­ti­ve Nachrichten.
  2. Schönes gestal­ten: „Etwas Gegenständliches schaf­fen, das die­se Welt zu einem bes­se­ren Ort macht“
  3. Schönes gemein­sam tun: „Sich zusam­men­tun und etwas schaf­fen, das vor­her nicht da war“

Dafür brau­che es „stär­ken­ba­sier­te Orte“, an denen Menschen ein­fach zusam­men­kom­men und sich auf­hal­ten kön­nen. Wo sie sich mit ihren unter­schied­li­chen Stärken ein­brin­gen können.

Und Weisband erin­nert dar­an, wie wich­tig es ist, sich um ein­an­der zu küm­mern, soli­da­risch zu sein: „Wenn du eine Schwäche ein­ge­stehst und sagst, ‚ich kann das nicht, bit­te hilf mir‘ […] und der ande­re hilft dir, dann habt ihr eine Verbindung geschaf­fen. Je mehr ihr euch gegen­sei­tig helft, des­to stär­ker ist die­se Verbindung.“

So ent­steht letzt­lich ein Netzwerk. Und das macht stär­ker. „Denn fällt ein Element des Netzwerks aus, fan­gen die ande­ren Elemente das auf. Es ist wich­tig mit unse­ren nächs­ten Menschen zusammenzukommen.“

Und dann fällt es Menschen auch leich­ter, mit Menschen mit poli­tisch kras­sen Einstellungen ins Gespräch zu kom­men. Wenn Raum und Zeit ist, ein­an­der zu fra­gen, um was es jeman­dem denn eigent­lich geht, wenn er sich zum Beispiel ras­sis­tisch äußert. „Es gibt so viel mehr, das uns als Menschen ver­bin­det, als da, was uns trennt“, sagt Marina Weisband, „und des­we­gen brau­chen wir kei­ne Angst zu haben, solan­ge wir uns ver­net­zen. Und ich bin Gott sehr dank­bar, dass er uns die Gelegenheit dafür gibt.“

Ein Text von

Die Nachfrage nach sinn­stif­ten­den und ori­en­tie­ren­den Angeboten, Impulsen und Inspiration für Herz und Geist ist hoch. Ich fin­de es wich­tig, dass die evan­ge­li­sche Kirche mit ihren libe­ra­len theo­lo­gi­schen Ansichten für Menschen in die­sen Fragen ein Zuhause bie­tet und das auch nach außen ein­la­dend und zeit­ge­mäß zeigt. Deshalb enga­gie­re ich mich ger­ne in der Öffentlichkeitsarbeit der Markus-Kirchengemeinde. 

Ein Beitrag aus dem

Gemeindebrief 183
Ausgabe 2026/2

Titelthema:
Trotzdem.

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