Impuls Thema

Das Gute bewusst auch in den Blick nehmen

Jährliche weltweite Elektrizitätswerte seit etwa 1975. Strom aus Erneuerbaren hat Kohlestrom 2025 zum ersten Mal seit 100 Jahren überholt. Quelle: Ember, abstrahiert: SE.

Die Krisen hören nicht auf und stres­sen. Die Wahrscheinlichkeiten für nega­ti­ve Szenarien stei­gen. Trotzdem und gera­de des­we­gen hilft es, wenn wir die eige­nen Werte, guten Ziele und Erfolge nicht aus den Augen verlieren.

Repräsentative Studien zei­gen es, und man kann es auch im eige­nen Umfeld spü­ren: Mehr Menschen füh­len sich erschöpft. Die vie­len Krisen erzeu­gen Stress. Die Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine schmä­lern die Hoffnung auf eine fried­li­che Welt, die Weltwirtschaft wird durch den Iran-Krieg mas­siv erschüt­tert, die Demokratien ste­hen unter Druck, die größ­te Menschheitskrise, die Erderhitzung, gerät zwar teil­wei­se aus dem Blick, aber bleibt als Dauerkrise.

Die Wahrscheinlichkeiten für schlech­te Szenarien stei­gen: Die kon­kre­te mili­tä­ri­sche Bedrohung ist in Europa so hoch wie sehr lan­ge nicht. Die Umfragen zu den Landtagswahlen im Herbst u.a. in Sachsen-Anhalt deu­ten auf einen star­ken Zuspruch für die AfD hin, die der Verfassungsschutz des Bundeslandes als gesi­chert rechts­extrem ein­stuft. Die Erderhitzung steigt noch stär­ker an, als jahr­zehn­te­lang in Prognosen ange­nom­men. Die Wahrscheinlichkeit für Überschwemmungen, Dürre, Hitze und gene­rell Wetterextreme nimmt zu.

Das lähmt. Wenn die Wahrscheinlichkeiten so hoch sind für all das Negative, was soll man dann schon noch tun?

Wie das Kaninchen vor der Schlange sit­zen, ist bekannt­lich kei­ne gute Idee. Ja, es ist rich­tig, Gefahren klar zu sehen. Verdrängung hilft nicht, Wachsamkeit schützt. Problematisch ist es, wenn das Negative alles ande­re über­deckt. Dann kreist der Blick nur noch um das, was schief­ge­hen könn­te: anti­de­mo­kra­ti­sche Tendenzen, auto­ri­tä­re Sprache, dro­hen­der Rückschritt. Psychologisch ist das ris­kant. Wer sich zu sehr auf das Unerwünschte kon­zen­triert, lan­det schnell beim Grübeln, beim Katastrophisieren und manch­mal sogar bei einer inne­ren Verstärkung genau der Angst, die man los­wer­den will. Auch sozi­al kann das Folgen haben: Wenn öffent­li­che Debatten nur noch Alarm und Untergang ken­nen, wach­sen Ohnmacht und Zynismus.

Darum braucht es den zwei­ten Blick: auf das Gute, das bereits da ist, und auf das Gute, das wir wol­len. Ein gro­ßes Trotzdem. Demokratie ist nicht nur Abwehr von Extremismus, son­dern ein leben­di­ges Versprechen von Freiheit, Würde und Mitbestimmung. Gerechtigkeit ist nicht bloß ein Gegenbegriff zu Ungleichheit, son­dern die Kraft, die Zusammenleben mensch­li­cher macht. Klimaschutz ist nicht nur Reaktion auf Krise, son­dern auch Zukunftsarbeit. Und es gibt Grund zur Hoffnung: Weltweit schrei­tet die Elektrifizierung vor­an, erneu­er­ba­re Energien wach­sen, tech­no­lo­gi­sche Lösungen wer­den bes­ser und güns­ti­ger. Deutschland ist trotz aller Probleme grund­sätz­lich reich, gebil­det, sta­bil und in vie­len Bereichen gut aufgestellt.

Es hilft, die­se Fortschritte bewusst wahr­zu­neh­men. Nicht naiv, nicht ver­klärt, son­dern als Gegengewicht zur Angst. Wenn uns selbst all das Negative in der gesell­schaft­li­chen Debatte auf die Nerven geht, kön­nen wir selbst ver­su­chen, gegen­zu­steu­ern: Nachlesen, nach­se­hen, wahr­neh­men, was sich gera­de mit­un­ter rasant zum Guten ent­wi­ckelt, und dann im Freundes- und Familienkreis dar­über reden. Den Blick und Gespräche nicht nur auf die Gefahr rich­ten, son­dern auch auf Werte, Menschen und Entwicklungen, die wir selbst wol­len, die uns wich­tig sind.

Die Bibel kennt die­se Spannung seit Langem. Jesus sagt: „Sorgt euch nicht um mor­gen.“ (Matthäus 6,34 / HfA) Das heißt nicht, Probleme zu igno­rie­ren, son­dern sich nicht von ihnen beherr­schen zu las­sen. Paulus schreibt im Brief an die Philipper: „Achtet auf das, was wahr ist, wür­dig und gerecht, was rein ist, lie­bens­wert und Lob ver­dient.“ (Philipper 4,8 / BB) Und in Römer 12 heißt es: „Gebraucht viel­mehr euren Verstand in einer neu­en Weise und lasst euch dadurch ver­wan­deln.“ (Römer 12,2 / BB) Das ist fast eine Anleitung dafür, den Blick bewusst auf das Gute, Wahre und Aufrichtende zu len­ken. Vielleicht ist es ein Weg, auf die­se Weise aus unse­rem Glauben her­aus Kraft zu schöp­fen, wei­ter­zu­ge­ben und zu ver­meh­ren. Unser eige­nes Handeln könn­te am Ende dann eben doch etwas bewir­ken – und man­che Wahrscheinlichkeiten zum Guten verändern.

Ein Text von

Die Nachfrage nach sinn­stif­ten­den und ori­en­tie­ren­den Angeboten, Impulsen und Inspiration für Herz und Geist ist hoch. Ich fin­de es wich­tig, dass die evan­ge­li­sche Kirche mit ihren libe­ra­len theo­lo­gi­schen Ansichten für Menschen in die­sen Fragen ein Zuhause bie­tet und das auch nach außen ein­la­dend und zeit­ge­mäß zeigt. Deshalb enga­gie­re ich mich ger­ne in der Öffentlichkeitsarbeit der Markus-Kirchengemeinde. 

Ein Beitrag aus dem

Gemeindebrief 183
Ausgabe 2026/2

Titelthema:
Trotzdem.

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