Repräsentative Studien zeigen es, und man kann es auch im eigenen Umfeld spüren: Mehr Menschen fühlen sich erschöpft. Die vielen Krisen erzeugen Stress. Die Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine schmälern die Hoffnung auf eine friedliche Welt, die Weltwirtschaft wird durch den Iran-Krieg massiv erschüttert, die Demokratien stehen unter Druck, die größte Menschheitskrise, die Erderhitzung, gerät zwar teilweise aus dem Blick, aber bleibt als Dauerkrise.
Die Wahrscheinlichkeiten für schlechte Szenarien steigen: Die konkrete militärische Bedrohung ist in Europa so hoch wie sehr lange nicht. Die Umfragen zu den Landtagswahlen im Herbst u.a. in Sachsen-Anhalt deuten auf einen starken Zuspruch für die AfD hin, die der Verfassungsschutz des Bundeslandes als gesichert rechtsextrem einstuft. Die Erderhitzung steigt noch stärker an, als jahrzehntelang in Prognosen angenommen. Die Wahrscheinlichkeit für Überschwemmungen, Dürre, Hitze und generell Wetterextreme nimmt zu.
Das lähmt. Wenn die Wahrscheinlichkeiten so hoch sind für all das Negative, was soll man dann schon noch tun?
Wie das Kaninchen vor der Schlange sitzen, ist bekanntlich keine gute Idee. Ja, es ist richtig, Gefahren klar zu sehen. Verdrängung hilft nicht, Wachsamkeit schützt. Problematisch ist es, wenn das Negative alles andere überdeckt. Dann kreist der Blick nur noch um das, was schiefgehen könnte: antidemokratische Tendenzen, autoritäre Sprache, drohender Rückschritt. Psychologisch ist das riskant. Wer sich zu sehr auf das Unerwünschte konzentriert, landet schnell beim Grübeln, beim Katastrophisieren und manchmal sogar bei einer inneren Verstärkung genau der Angst, die man loswerden will. Auch sozial kann das Folgen haben: Wenn öffentliche Debatten nur noch Alarm und Untergang kennen, wachsen Ohnmacht und Zynismus.
Darum braucht es den zweiten Blick: auf das Gute, das bereits da ist, und auf das Gute, das wir wollen. Ein großes Trotzdem. Demokratie ist nicht nur Abwehr von Extremismus, sondern ein lebendiges Versprechen von Freiheit, Würde und Mitbestimmung. Gerechtigkeit ist nicht bloß ein Gegenbegriff zu Ungleichheit, sondern die Kraft, die Zusammenleben menschlicher macht. Klimaschutz ist nicht nur Reaktion auf Krise, sondern auch Zukunftsarbeit. Und es gibt Grund zur Hoffnung: Weltweit schreitet die Elektrifizierung voran, erneuerbare Energien wachsen, technologische Lösungen werden besser und günstiger. Deutschland ist trotz aller Probleme grundsätzlich reich, gebildet, stabil und in vielen Bereichen gut aufgestellt.
Es hilft, diese Fortschritte bewusst wahrzunehmen. Nicht naiv, nicht verklärt, sondern als Gegengewicht zur Angst. Wenn uns selbst all das Negative in der gesellschaftlichen Debatte auf die Nerven geht, können wir selbst versuchen, gegenzusteuern: Nachlesen, nachsehen, wahrnehmen, was sich gerade mitunter rasant zum Guten entwickelt, und dann im Freundes- und Familienkreis darüber reden. Den Blick und Gespräche nicht nur auf die Gefahr richten, sondern auch auf Werte, Menschen und Entwicklungen, die wir selbst wollen, die uns wichtig sind.
Die Bibel kennt diese Spannung seit Langem. Jesus sagt: „Sorgt euch nicht um morgen.“ (Matthäus 6,34 / HfA) Das heißt nicht, Probleme zu ignorieren, sondern sich nicht von ihnen beherrschen zu lassen. Paulus schreibt im Brief an die Philipper: „Achtet auf das, was wahr ist, würdig und gerecht, was rein ist, liebenswert und Lob verdient.“ (Philipper 4,8 / BB) Und in Römer 12 heißt es: „Gebraucht vielmehr euren Verstand in einer neuen Weise und lasst euch dadurch verwandeln.“ (Römer 12,2 / BB) Das ist fast eine Anleitung dafür, den Blick bewusst auf das Gute, Wahre und Aufrichtende zu lenken. Vielleicht ist es ein Weg, auf diese Weise aus unserem Glauben heraus Kraft zu schöpfen, weiterzugeben und zu vermehren. Unser eigenes Handeln könnte am Ende dann eben doch etwas bewirken – und manche Wahrscheinlichkeiten zum Guten verändern.
Ein Text von
Die Nachfrage nach sinnstiftenden und orientierenden Angeboten, Impulsen und Inspiration für Herz und Geist ist hoch. Ich finde es wichtig, dass die evangelische Kirche mit ihren liberalen theologischen Ansichten für Menschen in diesen Fragen ein Zuhause bietet und das auch nach außen einladend und zeitgemäß zeigt. Deshalb engagiere ich mich gerne in der Öffentlichkeitsarbeit der Markus-Kirchengemeinde.

