Impuls

Die Himmelsleiter

Beeindruckt stand ich in der Nordlichtkathedrale in Alta in Norwegen. 13 Jahre alt ist die­se aus Beton gebau­te Kirche, außen kom­plett ver­klei­det mit Titanplatten, innen nur Beton und Massive Eiche. 800 Meter ver­ti­ka­le Eichenstäbe mit LED-Beleuchtung, ange­nehm warm und mit phan­tas­ti­scher Akustik. Ich gehe und stau­ne, stel­le mich in den Innenturm und schaue hin­auf. Da hängt eine gol­de­ne Leiter die in den Himmel ragt und erin­nert an die Geschichte von Jakob in der Bibel. Jakob, von der Mutter bevor­zugt, betrog er sei­nen Vater und den weni­ge Minuten älte­ren Zwillingsbruder. Dann ist er geflo­hen, träumt nachts von einer Leiter, die in den Himmel ragt (Genesis 28). Ich ste­he unter der gol­de­nen Leiter im Betonturm und grüble.

Leben ist und bleibt eine Herausforderung, ein Wagnis. Leben heißt die Leiter ergrei­fen und sich lang­sam Sprosse für Sprosse hin­auf­zu­ar­bei­ten. Die schmerz­haf­te Geburt, die ers­ten Sprossen grund­le­gen­de selbst­stän­di­ge Überlebensfähigkeiten zu erler­nen. Die Jahrzehnte mit mehr und mehr Routine, mal eine Stufe hoch, mal wie­der ein paar Stufen zurück.

Im Traum des Jakob stei­gen Engel auf der Leiter auf und ab. Ermutigende Wesen im Auftrag Gottes zur Unterstützung des müde gewor­de­nen Jakob. Der Lügner wird von Gott unter­stützt. Er liebt ihn wie er die Eltern und den Zwillingsbruder des Betrügers liebt. Trotz sei­nes üblen Handelns erhält Jakob Segen und Kraft zuge­spro­chen. Die Bibel erzählt von Menschen mit all ihren wun­der­ba­ren aber auch ihren zer­stö­re­ri­schen und unge­rech­ten Lebensweisen und Einstellungen. Gott bleibt bei sei­nem „Trotzdem“: trotz­dem ich into­le­rant bin, ego­is­tisch, rach­süch­tig, unehr­lich, unge­recht und was ich noch alles bin, eben unvoll­kom­men, hält er mir sei­ne Leiter hin für ein glück­li­ches Leben.

Ich ste­he in der Kathedrale und betrach­te die Menschen um mich her­um. Touristen aus aller Welt, Menschen wie Jakob, wie ich: Alle geliebt, wie auch immer sie und ich sind. Egal wel­ches Alter, Aussehen, Intellekt, Geschlecht, Handicap, Hautfarbe, Nation und Sprache. Mit die­sem Bewusstsein liegt es auf der Hand, sich Gottes Einstellung selbst anzu­eig­nen und offen Menschen zu begeg­nen, tole­rant, zuge­wandt. Und auch da, wo etwas miss­lun­gen ist, es sich und ande­ren ein­zu­ge­ste­hen, um Vergebung zu bit­ten und selbst zu ver­ge­ben. Ja, und die zu unter­stüt­zen, die Schwierigkeit haben mit der eige­nen Lebensleiter, weil die zu hoch hängt für ihre Armut, Beweglichkeit und Gesundheit.

Jetzt, dach­te ich, muss ich lang­sam mal den nächs­ten Touristen Platz machen, die wol­len auch ihren Gedanken nachhängen.

Bleiben Sie behü­tet und las­sen Sie sich Zeit auf Ihrer Lebensleiter jede Sprosse sicher zu erklim­men. Sie sind dabei nie allein. 

Ihr Uwe Wagner-Schwalbe
Pfarrer in der Gesamtkirchengemeinde
mit Dienstsitz in Münzenberg und Trais,
der in den nächs­ten Wochen die Leiter hoch­steigt auf die Rentensprosse.

Ein Text von