Sich unsicher zu fühlen, ist für viele Menschen kein schönes, kein gutes Gefühl. Es besteht fast so etwas wie ein natürlicher Sog zur Sicherheit, Gewissheit, gerade auch im Bereich des Religiösen. Es gibt jedoch eine Art der Sicherheit, die vorschnell zu einfache Antworten auf komplexe Fragen liefert. Da wird die Welt schnell in Gut und Böse, richtig und verkehrt, in „wir“ und „die anderen“ aufgeteilt.
Der tschechische Theologe und Templeton-Preisträger Tomáš Halík blickt skeptisch auf sowohl „sichere“ Gläubige als auch „sichere“ Atheisten. Mit Bezug auf die soziologische Studien meint Halík, dass die Haupttrennungslinie auf dem Gebiet der Religion – zumindest in der westlichen Welt – heute nicht zwischen Gläubigen und Ungläubigen hindurchführt, sondern zwischen „Suchenden“ und „heimisch Gewordenen“.
Halík sieht die „heimisch Gewordenen“, die Sicheren, denen alles fraglos klar und eindeutig ist, problematisch – und ‚zwar auf der religiösen sowie der nicht-religiösen Seite. Denn aus solchen Sicherheiten wachsen in ihren Extremformen Dialogunfähigkeit und destruktive Fundamentalismen.
Der Soziologe Marc Juergensmeyer bestätigt dies. Er hat religiös motivierten Terrorismus in verschiedenen Religionen untersucht und sieht die fundamentalistische Sicherheit mit ihren dualistischen, spaltenden Tendenzen als Ausgangspunkt für religiöse Gewalt.
Eine große Offenheit und Sympathie hegt Tomáš Halík dagegen für die sowohl innerhalb als auch außerhalb der verfassten Kirche wachsende Zahl der Menschen, die sich nicht sicher sind, sich aber auf einem Weg, auf der Suche sehen. Für sie ist eine Kirche der Sicherheiten nicht attraktiv.
Denn, wie Halík es ausdrückt: „Eine Gestalt des Christentums, der Kirche, des Glaubens, der Theologie, an die wir uns gewöhnt haben, sinkt unaufhaltsam in die Vergangenheit.“ Und: „Keine Flucht in die Welt der prämodernen Sicherheiten, in eine Welt, die es nicht mehr gibt, wird die Kirche retten.“
Für „Suchende“, „Nicht-so-Sichere“ sind deshalb Räume wichtig, wo nach neuen tragfähigen Formen des Glaubens bzw. der Spiritualität gesucht werden kann.
Ein Ort, wo solch eine offene Haltung praktiziert wird, ist die Ökumenische Gemeinschaft im französischen Taizé.
Hier kommen jedes Jahr Tausende meist junge Menschen aus vielen verschiedenen Ländern für je eine Woche zu Besuch. Was dabei viele beeindruckt: die interkulturellen Begegnungen; der Charakter einer Großveranstaltung (Event); die Qualität der Impulse und Gespräche; die besondere Erfahrung der Gottesdienste, inklusive der charakteristischen Lieder und der Stille. Und schließlich eine besondere Offenheit gegenüber Suchenden und Zweifelnden sowie Menschen, die nicht glauben können. Auch in den Gruppen, die ich in den letzten Jahren nach Taizé begleitet habe, waren immer wieder junge Menschen, die sich eher als suchend, zweifelnd oder nicht (so) gläubig bezeichneten – und doch die Erfahrung in Taizé als sehr bereichernd erlebt haben.
Könnte (oder sollte) die Kirche der Zukunft eine Kirche sein, in der die Offenheit, die Suche, der Zweifel, die Unsicherheit mehr Raum haben als bisher?
Zum Weiterlesen:
Tomáš Halík, Gott los werden? Wenn Glaube und Unglaube sich umarmen, Vier-Türme-Verlag, Münsterschwarzach 2016
Tomáš Halík, Die Zeit der leeren Kirchen. Von der Krise zur Vertiefung des Glaubens, Herder, Freiburg im Breisgau 2021
Tomáš Halík, Der Nachmittag des Christentums. Eine Zeitansage, Herder, Freiburg im Breisgau 2022 Marc Juergensmeyer, Terror im Namen Gottes: ein Blick hinter die Kulissen des gewalttätigen Fundamentalismus, Herder, Freiburg im Breisgau 2004