„Frisch auf!“ – An diese alte Grußformel musste ich zu Beginn dieses Jahres öfter mal denken. Fühle ich mich „frisch“? Bereit für all das, was auf mich persönlich zukommt? Bereit für die neuen Arbeitsformen in der Gesamtkirchengemeinden? Bereit für all die Veränderungen in der Welt?
Nicht einfach, wenn ständig neue Herausforderungen auf mich, auf meine Umgebung, auf die Welt warten. Umso wichtiger ist, dass ich mich immer wieder erinnere, was mich erfrischt und stärkt.
Für mich gehören dazu Dinge, die man in Gemeinschaft macht: Teamarbeit, in der man sich versteht und verständigt, ohne immer wieder nachhaken zu müssen – aber auch ohne sich verstellen zu müssen. Miteinander singen. Etwas leckeres Kochen. Mit meinen Tieren in Kontakt sein. Und Dinge, die ich immer mal auch gerne allein mache: Mich mit einem guten Buch ins Café setzen. Allein ins Kino gehen. In den Sternenhimmel schauen.
Als Pfarrerin bin ich natürlich auch ständig mit Texten und Traditionen beschäftigt, von denen wir in der Kirche sagen, dass sie uns stärken. Und vielleicht sogar erfrischen in einem Sinn, dass wir offen sind für frische Ideen und für neue Formen der Begegnung. Aber … das ist nicht leicht, wenn man gerade von so vielem, was bisher vertraut war und gutgetan hat, Abschied nehmen muss.
Wenn Gottesdienste nicht mehr selbstverständlich vor Ort stattfinden. Wenn der Kirchenvorstand nicht mehr selbstverständlich den Überblick behält. Wenn die Konfis nicht mehr selbstverständlich in unseren Dörfern kirchlich heimisch werden, sondern vernetzt und in der Region. Wenn die Gemeindesekretärin nicht mehr selbstverständlich dies und das machen oder im Blick behalten kann, egal wie gut sie die Menschen und die Strukturen in unseren Dörfern kennt. Wenn das Pfarrhaus nicht mehr im Dorf ist. Und vielleicht irgendwann auch nicht mehr die Kirche.
Diese Liste kann noch lange fortgesetzt werden. Man muss jetzt nachschauen: Wann und wo ist der nächste Gottesdienst? Man kennt vielleicht den Pfarrer oder die Pfarrerin (noch) nicht, die die nächste Beerdigung macht. Man weiß gar nicht mehr, wer aus unseren Dörfern konfirmiert wird. Und es wird – zumindest erst einmal – unübersichtlicher, wer für dies und das zur Ansprechpartnerin oder zum Ansprechpartner wird.
Es ist wie ein heftiges Durchschütteln. Manches erkennt man danach erst einmal nicht wieder. Anderes sieht man gar nicht mehr. Und hier und da kommt völlig Unerwartetes zum Vorschein.
Wir Menschen sind meist Gewohnheitstiere. Wir mögen nicht zu viel Veränderung und schon gar nicht zu viele davon auf einmal. Und am allerwenigsten: Veränderungen, die wir uns nicht gewünscht haben. Doch manchmal kann man es sich nicht aussuchen. Das war schon immer so – Bücher und Filme sind voll von solchen Erfahrungen. Und ebenso natürlich die Bibel, jene Schatzsammlung von menschlichen Erfahrungen aller Art.
Was wäre geworden, wenn Noah die Arche nicht gebaut und Mose, Aaron und Mirjam nicht ihre Leute aus Ägypten herausgeführt hätten? Was wäre gewesen, wenn all die Propheten, die absolut keine Lust auf Gottes Auftrag hatten, sich verweigert hätten? Versucht haben es einige ja … Und was wäre gewesen, wenn Jesus in der Wüste entschieden hätte, dass er doch lieber einen leichteren Weg für den Rest seines Lebens wählt? Sein Leben wäre vermutlich länger gewesen. Aber uns heute würde es nicht als Christinnen und Christen geben.
Wir leben in Zeiten heftiger Umbrüche – ich denke, das bezweifelt niemand. Als Christinnen und Christen müssen wir uns fragen lassen, auf wen oder was wir bauen und vertrauen – in all diesen Unsicherheiten, all den Abschieden und Traurigkeiten, all den Formen von Überforderung.
Kein Gottesdienst und kein Gebet, in dem nicht gesagt wird, dass wir auf Gott vertrauen. Aber wenn wir das wirklich tun – müsste sich das dann nicht auch in all unserer Müdigkeit und Traurigkeit irgendwie auswirken?
Ich liebe ein Zitat aus dem Buch Jesaja zu diesem Thema:
Hast du’s noch nicht begriffen?
Hast du es nicht gehört?
Der HERR ist Gott der ganzen Welt.
Er hat die Erde geschaffen bis hin zum äußersten Rand.
Er wird nicht müde und nicht matt.
Keiner kann seine Gedanken erfassen.
Er gibt den Müden neue Kraft
und macht die Schwachen wieder stark.…
Alle, die auf den Herrn hoffen,
bekommen neue Kraft.
Sie fliegen dahin wie Adler.
Sie rennen und werden nicht matt,
sie laufen und werden nicht müde.
(Jesaja 40, 28, 29 +31)
Das wünsche ich uns: Dass wir fliegen lernen und die befreiende Erfahrung machen: ob wir rennen oder laufen, uns geht die Puste nicht aus. Denn wir leben durch den langen Atem Gottes. Wenn wir das nicht vergessen, dann kann uns das helfen, immer mal wieder tief durchzuatmen.
Ihre/Eure Pfarrerin
Birgit Müller
Ein Text von
- Pfarrerin
