Impuls

Shoppe dich glücklich

Lieber Jörg,
shop­pen macht glück­lich! Und weil wir auf­grund dei­ner letz­ten Bestellung wis­sen, was dir gefällt, haben wir eine Auswahl an Teilen zusam­men­ge­stellt, die für dich bestimmt sind. Entdecke jetzt dei­ne Glücklichmacher!

So wur­de ich jüngst von einem Online-Versender ange­schrie­ben. Wussten Sie das auch schon: „Shoppen macht glück­lich!“ Ist das nicht eine wun­der­vol­le Botschaft, die uns da alle Jahre wie­der in der stil­len, besinn­li­chen Zeit ereilt? Können Sie nicht auch das Glück spü­ren, das Sie über­kommt, wenn sie die Einkäufe für Weihnachten täti­gen. Wie befrie­di­gend ist es doch das 12. Paar Schuhe ins Regal zu stel­len, das 38. Billig-T-Shirt in den Schrank zu legen. Wie schön ist es Kinder mit Geschenken zu über­häu­fen, die zwar gar nicht mehr in das Kinderzimmer pas­sen, aber das ist ja nicht schlimm – schmeißt man ein­fach was von dem ande­ren Müll weg. Ist sowie­so schon vie­les kaputt und lang­wei­lig geworden.

Shoppe dich glück­lich! Dieses Evangelium wird uns in die­sen Weihnachtstagen wie­der gepre­digt aus den Fernsehern und dem Internet. Social-Media prä­sen­tiert uns eine KI-erstell­te Vorauswahl von Produkten, wir müs­sen gar nicht mehr so viel selbst ent­schei­den. Welch gute Botschaft geht von die­sem Kind in der Krippe aus. Mit süßem Klang beglü­cken uns die Supermarktmusikschleifen, das Gedudel der Weihnachtsmarktstände, die Werbeblöcke im Fernseher. Die Nachrichten berich­ten vom glück­li­chen Einzelhandel, dem Weihnachtsgeschäft, das wie­der mal sehr gut war – oder bekla­gen eben das Gegenteil, wenn Sie nicht genü­gend geshop­pt haben.

Und erst das Essen! Die Süßigkeiten, die wir schon seit September in uns rein­ge­stopft haben, schme­cken zwar an Weihnachten nicht mehr son­der­lich, aber die Gänse, Puten oder Karpfen mun­den doch ganz vor­züg­lich und waren auch gar nicht teu­er. (Oder hat uns die Vogelgrippe bis Weihnachten auch die­ses Vergnügen noch genommen?)

Und die­sen Spaß las­sen wir uns doch wohl nicht von einem Arme-Leute-Kind neh­men. Einem Gott, der bei den Schwächsten ein­kehrt, bei den Bürgergeldempfängern, bei den Mindestlöhnern, bei den Ausgebombten in der Ukraine oder im Gazastreifen. Einem Gott, der mit sei­nen Eltern auch noch flie­hen muss und in Ägypten Asyl bekommt. Der die Armen lieb­te und mit sei­ner Botschaft so anstö­ßig war, dass man ihn dann sehr bald aus dem Weg räum­te. Wer möch­te so einen Spielverderber bei sich ein­keh­ren las­sen? Wen holt der noch hin­ter dem Ofen her­vor? Bleiben da vie­le nicht lie­ber beim Konsum: Shoppe dich glück­lich, oder dringt das Kind in der Krippe doch noch zu uns durch?

Frohe Weihnachten!

Ein Text von
  • Pfarrer

Ich wur­de 1964 in Bremen gebo­ren, wuchs im hes­si­schen Hinterland bei Biedenkopf auf und habe 1984 in Bad Laasphe mein Abitur erwor­ben. Ich stu­dier­te in Marburg, Sao Leopoldo/Brasilien und Kassel evan­ge­li­sche Theologie. Mein Vikariat absol­vier­te ich in Darmstadt und bin seit 1997 Pfarrer der Evangelischen Markus-Kirchengemeinde Butzbach. Verheiratet bin ich mit Dr. Katharina Vossmeyer, wir haben eine Tochter.

Ein Beitrag aus dem

Gemeindebrief 181
Ausgabe 2025/3

Titelthema:
Übergang

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