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„Eine Geschichte, die es wert ist, gehört zu werden“

Ievgen Dubrovskji ist Arzt in der Ukraine. Ein Jahr lang war der 40-Jährige an der Front im Donbas im Einsatz; frei­wil­lig, als Militärarzt. Er hat sei­ne Tagebuchaufzeichnungen in einem Buch ver­öf­fent­licht und war damit zu Gast auf der Buchmesse in Frankfurt – und in Wetzlar an einem Abend mit ukrai­ni­schen Kriegsflüchtlingen und deut­schen Gästen. Bei der Lesung hat er auch erzählt, wie es zu dem Buch gekom­men ist.

Nachdem zu Beginn des Krieges Zivilisten den auf Kiew vor­rü­cken­den Panzern gewalt­frei­en Widerstand geleis­tet hat­ten, fie­len rus­si­sche Truppen im Osten der Ukraine ins Land. Der Arzt aus Kiew mel­de­te sich als Freiwilliger. Er woll­te den ukrai­ni­schen Soldaten bei der Abwehr des rus­si­schen Angriffs bei­ste­hen. Er ver­sorg­te Verwundete, barg Tote aus der Frontlinie und brach­te Verletze ins Landesinnere. So ent­stand eine tie­fe Freundschaft zu den Soldaten. Um nicht selbst ver­rückt zu wer­den, wie er sagt, schrieb er Tagebuch.

Der Krieg ist so töd­lich geworden
wie im Ersten Weltkrieg

Dubrovskji bau­te ein medi­zi­ni­sches Hilfszentrum nahe der Frontlinie auf und erleb­te, wie unter­schied­lich Menschen mit dem Krieg umge­hen: „Einige tran­ken viel, ande­re deser­tier­ten. Es gab kei­ne psy­cho­lo­gi­sche Hilfe.“

Ein Jahr ver­brach­te er an der Front. Als er 2023 nach Kiew zurück­keh­ren muss­te, rich­te­ten sei­ne Freunde eine Bitte an ihn: „Mach aus dei­nen Aufzeichnungen ein Buch“. Sie sag­ten, die Gesellschaft sol­le mit­be­kom­men, in wel­cher Hölle sie dort leb­ten. So ent­stand „Eine Geschichte, die es wert ist, gehört zu wer­den“ – eine Klage an ihr eige­nes Volk und auch die Völker, zu denen ihre Frauen und Kinder geflo­hen waren.

Diese Überschrift lässt sich auch auf die Weihnachtsgeschichte anwen­den. Sie ist es wert, gehört zu wer­den. Gott kommt als Mensch. Er offen­bart sich in Jesus. Ein Mädchen mit Namen Maria bringt ihn zur Welt. Sie macht eine pro­phe­ti­sche Verheißung wahr. Sie gebiert einen Sohn, der neben ande­ren schö­nen Namen ein „Friede-Fürst“ genannt wer­den darf. Er zeigt, wie Gott die Klagen ein­fa­cher Leute auf­nimmt. Jesus lehrt, nicht nach Macht stre­ben zu wol­len, son­dern in allen Lagen Menschlichkeit zu bewah­ren. Er ver­leiht Kraft zu trös­ten und Traumata zu heilen.

Beide Geschichten sind es wert, gehört zu wer­den, denn wenn Klagende mer­ken, sie wer­den ernst genom­men, dann ist Rettung und Erlösung nahe. Diese kommt nicht durch noch mehr Gewalt und Kriegstüchtigkeit, son­dern in Sanft-Mut. Sanftmut ist die Frucht einer star­ken Liebe.

Pfarrer Ernst von der Recke, Church & Peace

Ein Beitrag aus dem

Gemeindebrief 181
Ausgabe 2025/3

Titelthema:
Übergang

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