Nördliche Wetterau

Wie wird eigentlich ein Schmetterling?

Oder: Was machen wir gera­de als Kirche durch?

Kennen Sie noch das Kinderbuch von der der Raupe Nimmersatt? Eric Carle schreibt die Geschichte von einer gefrä­ßi­gen Raupe: Nach einem reich­hal­ti­gen Büfett bau­te sie sich einen Kokon. Nach gut zwei Wochen „knab­ber­te sie sich ein Loch in den Kokon, zwäng­te sich nach drau­ßen und … war ein wun­der­schö­ner Schmetterling!“. Über das eigent­li­che Wunder der Metamorphose geht der Autor salopp hin­weg. Der fina­le Verdauungsakt jeder gefrä­ßi­gen Raupe gilt gar nicht dem grü­nen Blatt, das sie vor ihrer Verpuppung ver­speist hat. Er gilt im Grunde ihrem eige­nen Körper. Denn ange­trie­ben von einem Zusammenspiel che­mi­scher Signalgeber, zer­fließt tat­säch­lich ein Teil der Zellen zu einem nahr­haf­ten Brei. So eine Metamorphose ist ein gefähr­li­ches Unterfangen. Doch im Innern der Puppe voll­zieht sich eine prä­zi­se Choreografie aus Zerstörung und Bewahrung. Aus Zellsäckchen erwach­sen neue Körperteile: Flügel, Beine, Antennen, Facettenaugen. Unter der Hülle aus Chitin tobt – von außen nicht erkenn­bar – das wil­de Leben.

Ein wenig gleicht die­ser Prozess den umwäl­zen­den Veränderungen unse­rer Kirche. Die uns bekann­te Kirchenorganisation wan­delt sich gera­de dra­ma­tisch. Und nie­mand kann sehen, was dann kommt. Als Kirche befin­den wir uns in einem Zustand, in dem wir mer­ken, dass die übli­chen Ordnungen auf­ge­ho­ben sind, wo bis­her gekann­te Regeln nicht mehr grei­fen und noch kein Gegenentwurf zum „Bisherigen“ exis­tiert. Mehr noch: die Zielvorstellung für Neues ent­wi­ckelt sich erst im Prozess. Irgendwie leben wir als Kirche der­zeit in einem Zwischenstadium – zwi­schen Raupe und Schmetterling. Und zu so einem Zwischenstadium gehört eben, was wir bis­wei­len spü­ren: den Eindruck von Unsicherheit, einen Veränderungsschmerz, das Gefühl, aus­ge­lie­fert zu sein. Andererseits ist da aber auch Raum für Kreativität, für Neues, neue Erfahrungen und Visionen.

Wie bei dem Kokon, so ist auch der der­zei­ti­ge kirch­li­che Transformationsprozess ambi­va­lent. Es gilt Abschied von vie­lem zu neh­men, was war – die frü­he­re Raupe. Aber dar­in liegt gera­de auch die Voraussetzung für die ver­än­der­te Gestalt – den spä­te­ren Schmetterling.

Und das Wunderbare dabei ist: In der Puppe ist die Erbanlage zur Schmetterlingswerdung ange­legt. Bei allem Umbau, trotz aller inne­ren Zerstörung in der Puppe, ver­liert sich die ent­schei­den­de Erbinformation nicht: es wird ein Schmetterling!

Als Kirche ste­hen wir in den Nachbarschaftsräumen am Beginn einer not­wen­di­gen Transformation. Bei aller Veränderung und dem Umbau der alten, gewohn­ten Gestalt von Kirche ver­lie­ren auch wir das Wesentliche nicht. Oder um es mit Worten aus dem Johannesbrief der Bibel zu sagen: Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offen­bar gewor­den, was wir sein wer­den. (1. Joh. 3,2) Es ist alles ange­legt und es ver­liert sich nichts: der Auftrag unse­res Herrn, Kirche in der Welt zu sein, und die Verheißung sei­ner Gegenwart auf die­sem Weg. Im Vertrauen dar­auf kann es gelin­gen, Altes los­zu­las­sen. Denn Neues kommt nur, wenn Altes ster­ben darf.

Was für ein Wunder! Und wir dür­fen mit­ten drin und dabei sein.

Ein Text von

Dekan Volkhard Guth ist 1967 gebo­ren. Von 1999 bis 2013 war er Pfarrer der Martinsgemeinde Rüsselsheim, von 2003 bis 2013 Pfarrer für gesell­schaft­li­che Verantwortung im Ev. Dekanat Rüsselsheim. Seit 1. Oktober 2013 ist er Dekan des Ev. Dekanats Wetterau, im März 2015 wur­de er wie­der­ge­wählt für eine drit­te Amtsperiode. 2024 hat er sein 25-jäh­ri­­ges Ordinationsjubiläum gefeiert.

Ein Beitrag aus dem

Gemeindebrief 179
Ausgabe 2025/1

Titelthema:
Verwandlung

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