Thema

Kinder und Freiheit

Jedes Kind soll frei sei­ne eige­ne Persönlichkeit ent­fal­ten dür­fen, das ist der Wunsch vie­ler Eltern. Diesen Wunsch geben sie natür­lich nicht auf, wenn das Kind in die Kita kommt. Auch dort soll eine freie Entfaltung mög­lich sein. Doch wie kann das gehen, wenn eben nicht nur ein Kind im Zusammenspiel mit der eige­nen Familie sei­ne Freiheit leben und erpro­ben soll, son­dern wenn rund 100 Personen – Kinder und Erwachsene – gemein­sam ihren Alltag in der Kita gestal­ten und jede ein­zel­ne Person ihr Recht auf per­sön­li­che Freiheit hat?

Um die­se Frage zu klä­ren, hat unse­re Kita in der Schillerstraße ein Konzept, das dem Anliegen der frei­en Entfaltung der Persönlichkeit Rechnung trägt. Das fängt damit an, dass jedes Kind sei­nen Wert und sei­ne Würde hat, die unbe­dingt zu ach­ten sind. Völlig unab­hän­gig von Herkunft oder Umständen, in denen das Kind auf­wächst. Diese Grundhaltung der gegen­sei­ti­gen Achtung und Wertschätzung wird auch auf den Alltag und die päd­ago­gi­sche Vermittlung von Werten über­tra­gen. Zwei die­ser Werte sind Toleranz und Akzeptanz. Beides sol­len die Kinder im gegen­sei­ti­gen Umgang und im Miteinander mit dem päd­ago­gi­schen Personal ler­nen und leben. Toleranz heißt dabei, das Anderssein einer ande­ren Person zu dul­den – ich las­se einer ande­ren Person die Freiheit, so zu sein, wie sie ist, ohne sie in mei­ne Vorstellungswelt zu zwin­gen. Das heißt auch, dass Toleranz ohne Akzeptanz nicht mög­lich ist – ich bin bereit ande­re Menschen so anzu­neh­men, wie sie sind. Dazu ist es nötig, jedem Menschen offen und vor­ur­teils­los gegen­über­zu­tre­ten. Dies gilt gera­de auch gegen­über Menschen ande­rer Kultur und Religion.

Eine wich­ti­ge Rolle spie­len Empathie und Verständnis. Dazu gehört es, sich sei­ner eige­nen Gefühle bewusst zu sein. Gerade in der früh­kind­li­chen Entwicklung ist es wich­tig die­se Balance von eige­ner frei­er Entfaltung und Willensfindung und die ent­spre­chend Entfaltung der jeweils ande­ren Person zu fin­den. Oder ein­fa­cher aus­ge­drückt: Was will ich und was will der ande­re? Und wie kön­nen wir eine Übereinkunft erzie­len? Um dort­hin zu kom­men, müs­sen Kinder ler­nen offen und ein­fühl­sam auf sich und ande­re zu ach­ten. Dazu gehört es auch, dass sie in der Lage sind Nähe und Distanz zu regulieren.

Den Umgang mit Freiheit zu ler­nen, das gehört zur ganz­heit­li­chen Entwicklung von Kindern. Damit die­se gut gelin­gen kann, brau­chen Kinder kör­per­li­che Nähe und gefühl­vol­le Zuwendung fes­ter Bezugspersonen. Außerdem benö­ti­gen sie fes­te Strukturen und Rituale, gleich­zei­tig auch Zeit, Raum und Anregungen, um sich frei aus­zu­pro­bie­ren. Dabei sind Kinder immer wie­der auch auf Hilfestellung und Unterstützung in all­täg­li­chen Situationen ange­wie­sen. Wo sie die­se brau­chen und ein­for­dern, sol­len sie sie auch erhal­ten. So viel Freiheit wie mög­lich, soviel Unterstützung wie nötig. Unterstützung bedeu­tet hier „Hilfe zur Selbsthilfe“, da es dadurch leich­ter fällt zu ler­nen und sich wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Das gilt für Kleinigkeiten wie beim Anziehen hel­fen, aber auch beim Lösen von Konflikten, indem mög­li­che Lösungsvorschläge ein­ge­bracht werden.

Dazu kommt das gro­ße Maß an Beteiligungsmöglichkeiten der Kinder im Alltag der Kita. Kinder wer­den ihrem Entwicklungsstand ent­spre­chend an Entscheidungen betei­ligt. Sie sol­len befä­higt wer­den ihre Bedürfnisse, Meinungen und Interessen zu äußern und für die­se Verantwortung zu über­neh­men. An Prozessen mit­zu­wir­ken, bedeu­tet für die Kinder, dass sie gehört wer­den, teil­ha­ben und ernst genom­men wer­den. Kinder kön­nen sich an Abstimmungen betei­li­gen, Ideen im Stuhlkreis ein­brin­gen, Aktivitäten mit­pla­nen und Lernwünsche äußern. In kon­kre­ten Alltagssituationen bedeu­tet dies: Die Kinder wäh­len frei, mit wem, mit was und wo sie spie­len wollen.

Gepaart mit dem Gefühl von Geborgenheit und Zuwendung schaf­fen die Kinder es so ihren Alltag zu bewäl­ti­gen und sich gut zu ent­wi­ckeln. Eine Grundvoraussetzung dafür ist es, dass sich die Kinder in der Kita wohl füh­len. Das ist eines der wesent­li­chen Ziele der Arbeit des päd­ago­gi­schen Personals. Dazu gehört in unse­rer Kita auch die Vermittlung der exis­ten­ti­el­len Geborgenheit, die jeder Mensch bei Gott fin­den kann.