Bericht

„Man kann auch kleiner werden, ohne Innovationspotenzial einzusparen“

Beim 3. Markus-Forum am 14. Juli 2022 war Anna Nicole Heinrich zu Gast. Sie ist die Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), also qua­si die Präsidentin des Kirchenparlaments auf Bundesebene. Gut ein­ein­halb Stunden lang erklär­te sie im Gespräch mit Moderator Michael Krause, in wel­che Richtung sich ihrer Auffassung nach die Evangelische Kirche ent­wi­ckeln soll­te und wie sie selbst dazu bei­tra­gen möchte.

Radio Welle West Wetterau hat das Podiumsgespräch und die anschlie­ßen­de Diskussion mit dem Publikum live im Webstream über­tra­gen und aufgezeichnet. 

Das Publikum zum Schmunzeln und Lachen brin­gen, das kann sie auf jeden Fall. Zum Beispiel wenn Anna-Nicole Heinrich von ihrem WG-Leben mit ihrem Mann und zwei Freunden erzählt, von WG-Castings, in denen Bewerber:innen mit Thermomix nicht punk­ten kön­nen, aber dass der neue Mitbewohner einen rich­ti­gen Pizzaofen mit­ge­bracht hat (den er beim Casting gar nicht erwähn­te) und seit­dem das monat­li­che WG-Pizzaessen zu einem fes­ten Ritual gewor­den sei, das sie nur für einen wirk­lich sehr, sehr, sehr wich­ti­gen (Kirchen-) Termin sau­sen las­sen würde.

Wenn es dar­um geht, wie es für sie war, als sie 2021 mit 25 Jahren zur Präses der EKD-Synode gewählt wur­de, dann nicht ohne eine gehö­ri­ge Portion Selbstironie. Es habe nicht gera­de auf ihrer Bucket List gestan­den, die­ses Amt zu beklei­den. Kurz nach der Wahl sag­te sie dann im Tagesschau-Interview, sie fän­de es mutig, dass die Synode sie gewählt habe. 

Bei allem Augenzwinkern meint sie das ganz offen­sicht­lich aber durch­aus auch ernst. Nicht (nur), weil sie so jung ist, wie noch keine:r ihrer Vorgänger:innen, son­dern weil sie sich selbst als „das freie Radikal“ und „die jun­ge wil­de Anna“ bezeich­net. Und so zu sein, das will sie nicht able­gen, gera­de auch in die­sem Amt nicht. 

Es gibt schließ­lich auch eine Menge zu tun. Die Mitgliedszahlen der Evangelischen Kirche zei­gen nach unten, die ver­blei­ben­den Mitglieder sind vor allem älte­re Menschen, Kirchengemeinden wer­den mehr und mehr zusam­men­ge­legt, spa­ren ist angesagt.

Anna-Nicole Heinrich sieht die Schwierigkeiten, aber glaubt auch, dass sie eine Chance sind: „Man kann auch klei­ner wer­den, ohne Innovationspotenzial ein­zu­spa­ren. Bei allem ver­meint­li­chen Sparen und Zusammenlegen kön­nen wir uns so umstruk­tu­rie­ren, dass wir trotz­dem noch nach vor­ne gehen“.

„Wir müs­sen raus aus der Bubble!“

Wenn es zum Beispiel für vier Gemeinden mit zehn Gebäuden statt vier nur noch drei Pfarrer:innen gäbe, die­se sich aber nicht mehr um Verwaltung und Reparatur der Gebäude küm­mern müss­ten, weil dafür eine hal­be Gebäudeverwaltungsstelle ein­ge­rich­tet wür­de, dann könn­ten sich die Pfarrer:innen viel bes­ser auf Seelsorge und Verkündigung kon­zen­trie­ren und neue Angebote auf die Straße bringen.

Apropos „auf die Straße“: Ihren Satz „Wir müs­sen raus aus unse­rer Bubble“ wie­der­holt und erklärt Anna-Nicole Heinrich ger­ne immer wie­der. In der Bubble sei­en die Menschen, die hoch­ver­bun­den sind mit der evan­ge­li­schen Kirche, die sich auch oft in der Gemeinde enga­gie­ren. „Für unse­re Entscheidungen sind sie der ers­te Resonanzraum. Wenn wir aber unse­ren Auftrag als Kirche ernst neh­men, dass wir zum Gelingen des Lebens mög­lichst vie­ler Menschen bei­steu­ern sol­len, dann dür­fen wir nicht nur die­se ers­te Resonanzkraft neh­men, son­dern wir müs­sen wirk­lich gucken, wie fan­gen wir eigent­lich ein grö­ße­res Stimmungsbild ab, wie fin­den wir dadurch auch Themen, die nicht nur uns selbst beschäftigen.“

Sie zeigt sich über­zeugt, dass die Nutzung des „digi­ta­len Raums“ dafür ent­schei­dend ist, weil der ers­te Kontakt bei so vie­len Dingen heut­zu­ta­ge eben dar­über lau­fe. Wenn sie in eine frem­de Stadt kom­me, dann hal­te sie ein paar Minuten Ausschau nach einem Restaurant, das ihr gefällt, und wenn sie dann keins fin­det, dann che­cke sie eben mit dem Smartphone, wo man dort gut essen kann. Wenn sie wis­sen möch­te, wel­cher Laden abends in Butzbach noch offen hat, dann goo­gelt sie danach.

„Die Kirchengemeinden sind unser Gelingensfaktor“

Mehr noch fän­de sie es span­nend, weni­ger Gewicht auf „phy­sisch first“ zu legen, son­dern „unse­re Kommunikation begin­nen im digi­ta­len Raum“ mit ech­ten Angeboten dort. „Und unser ‚Unique Selling Point‘ ist, dass wir über die gesam­te Republik ver­teilt vie­le schö­ne klei­ne loka­le Gemeinschaften haben, bei denen man will­kom­men ist. Das wür­de die Kirche unter­schei­den von ande­ren sinn­stif­ten­den Angeboten im Web und in Sozialen Medien. Die Gemeinden vor Ort wür­den dabei zum „Gelingensfaktor, dass wir etwas beson­de­res sind“, so Heinrich.

Sie hal­te es außer­dem für wich­tig, dass Menschen, die sich frei­wil­lig und ehren­amt­lich in der Kirche enga­gie­ren, nach vor­ne gestellt wer­den, und zwar nicht nur im Sinne von „Engagement in unse­rer Kirche ist Dienst, son­dern bringt auch was“. Es sei völ­lig legi­tim zu erken­nen und auch offen zu sagen: „Es bringt mir auch per­sön­lich etwas, wenn ich mich ehren­amt­lich einbringe“.

Die Mitgliedschaftsstrukturen der Evangelischen Kirche müss­ten umge­stal­tet wer­den. Einerseits sei­en Kirchenmitglieder fest und dau­er­haft gebun­den – es sei denn sie tre­ten aus. Ein-Monats-Verträge gibt es eben nicht. Und ande­rer­seits wer­de man bei einem Umzug in eine neue Stadt auto­ma­tisch „umge­mein­det“. Da rei­ße der Faden ab, obwohl die­se Menschen gera­de in einer Umbruchphase sind, die wich­tig für die Bindung an die Kirche sei­en. Warum nicht den Menschen den Faden in die Hand geben und selbst ent­schei­den las­sen, wann sie in die Gemeinde am neu­en Wohnort wech­seln möch­ten, fragt die Präses.

Die drei wich­tigs­ten Themen, um die sie sich in ihrem Amt der­zeit küm­mert, sei zum einen die Finanz-Strategie, bei der sie es wich­tig fin­det, dass die Landeskirchen wie bei­spiels­wei­se in Bayern 10 Prozent „Risikokapital“ vor­se­hen „für Dinge, die wir aus­pro­bie­ren wol­len“. Zweites wich­ti­ges Thema sei die Aufarbeitung und Prävention sexua­li­sier­ter Gewalt. Da wol­le sie sich auf Bundesebene für Unterstützungsstrukturen einsetzen.

Und schließ­lich Klimaneutralität und Klimagerechtigkeit auch inner­halb der evan­ge­li­schen Kirche. „Wir haben ganz vie­le Gebäude, die nicht kli­ma­neu­tral sind. Da müs­sen wir vor­an gehen“, sagt Anna-Nicole Heinrich. Die Kirche habe außer­dem Kontakte zu Kirchen welt­weit, die längst wie­der­holt Katastrophen erle­ben wie bei uns 2021 im Aartal, „Wir müs­sen uns stär­ker auch wie­der als Anwälte die­ser ver­bun­de­nen Gemeinden verstehen“.

Direkte Hebel kön­ne sie als Präses der EKD-Synode den­noch kaum in Gang set­zen, denn die Hauptentscheidungen fal­len in den Landeskirchen. Deshalb will sie viel in den Landeskirchen prä­sent sein und „nicht nur im poli­ti­schen Berlin rum­hüp­fen“. Und für nächs­tes Jahr pla­ne sie, 80 Prozent nicht­kirch­li­che Veranstaltungen zu besu­chen und nur 20 Prozent kirch­li­che – eben „raus aus der Bubble“.

Ein Text von

Die Nachfrage nach sinn­stif­ten­den und ori­en­tie­ren­den Angeboten, Impulsen und Inspiration für Herz und Geist ist hoch. Ich fin­de es wich­tig, dass die evan­ge­li­sche Kirche mit ihren libe­ra­len theo­lo­gi­schen Ansichten für Menschen in die­sen Fragen ein Zuhause bie­tet und das auch nach außen ein­la­dend und zeit­ge­mäß zeigt. Deshalb enga­gie­re ich mich ger­ne in der Öffentlichkeitsarbeit der Markus-Kirchengemeinde.