Radio Welle West Wetterau hat das Podiumsgespräch und die anschließende Diskussion mit dem Publikum live im Webstream übertragen und aufgezeichnet.
Das Publikum zum Schmunzeln und Lachen bringen, das kann sie auf jeden Fall. Zum Beispiel wenn Anna-Nicole Heinrich von ihrem WG-Leben mit ihrem Mann und zwei Freunden erzählt, von WG-Castings, in denen Bewerber:innen mit Thermomix nicht punkten können, aber dass der neue Mitbewohner einen richtigen Pizzaofen mitgebracht hat (den er beim Casting gar nicht erwähnte) und seitdem das monatliche WG-Pizzaessen zu einem festen Ritual geworden sei, das sie nur für einen wirklich sehr, sehr, sehr wichtigen (Kirchen-) Termin sausen lassen würde.
Wenn es darum geht, wie es für sie war, als sie 2021 mit 25 Jahren zur Präses der EKD-Synode gewählt wurde, dann nicht ohne eine gehörige Portion Selbstironie. Es habe nicht gerade auf ihrer Bucket List gestanden, dieses Amt zu bekleiden. Kurz nach der Wahl sagte sie dann im Tagesschau-Interview, sie fände es mutig, dass die Synode sie gewählt habe.



Bei allem Augenzwinkern meint sie das ganz offensichtlich aber durchaus auch ernst. Nicht (nur), weil sie so jung ist, wie noch keine:r ihrer Vorgänger:innen, sondern weil sie sich selbst als „das freie Radikal“ und „die junge wilde Anna“ bezeichnet. Und so zu sein, das will sie nicht ablegen, gerade auch in diesem Amt nicht.
Es gibt schließlich auch eine Menge zu tun. Die Mitgliedszahlen der Evangelischen Kirche zeigen nach unten, die verbleibenden Mitglieder sind vor allem ältere Menschen, Kirchengemeinden werden mehr und mehr zusammengelegt, sparen ist angesagt.
Anna-Nicole Heinrich sieht die Schwierigkeiten, aber glaubt auch, dass sie eine Chance sind: „Man kann auch kleiner werden, ohne Innovationspotenzial einzusparen. Bei allem vermeintlichen Sparen und Zusammenlegen können wir uns so umstrukturieren, dass wir trotzdem noch nach vorne gehen“.
„Wir müssen raus aus der Bubble!“
Wenn es zum Beispiel für vier Gemeinden mit zehn Gebäuden statt vier nur noch drei Pfarrer:innen gäbe, diese sich aber nicht mehr um Verwaltung und Reparatur der Gebäude kümmern müssten, weil dafür eine halbe Gebäudeverwaltungsstelle eingerichtet würde, dann könnten sich die Pfarrer:innen viel besser auf Seelsorge und Verkündigung konzentrieren und neue Angebote auf die Straße bringen.
Apropos „auf die Straße“: Ihren Satz „Wir müssen raus aus unserer Bubble“ wiederholt und erklärt Anna-Nicole Heinrich gerne immer wieder. In der Bubble seien die Menschen, die hochverbunden sind mit der evangelischen Kirche, die sich auch oft in der Gemeinde engagieren. „Für unsere Entscheidungen sind sie der erste Resonanzraum. Wenn wir aber unseren Auftrag als Kirche ernst nehmen, dass wir zum Gelingen des Lebens möglichst vieler Menschen beisteuern sollen, dann dürfen wir nicht nur diese erste Resonanzkraft nehmen, sondern wir müssen wirklich gucken, wie fangen wir eigentlich ein größeres Stimmungsbild ab, wie finden wir dadurch auch Themen, die nicht nur uns selbst beschäftigen.“
Sie zeigt sich überzeugt, dass die Nutzung des „digitalen Raums“ dafür entscheidend ist, weil der erste Kontakt bei so vielen Dingen heutzutage eben darüber laufe. Wenn sie in eine fremde Stadt komme, dann halte sie ein paar Minuten Ausschau nach einem Restaurant, das ihr gefällt, und wenn sie dann keins findet, dann checke sie eben mit dem Smartphone, wo man dort gut essen kann. Wenn sie wissen möchte, welcher Laden abends in Butzbach noch offen hat, dann googelt sie danach.
„Die Kirchengemeinden sind unser Gelingensfaktor“
Mehr noch fände sie es spannend, weniger Gewicht auf „physisch first“ zu legen, sondern „unsere Kommunikation beginnen im digitalen Raum“ mit echten Angeboten dort. „Und unser ‚Unique Selling Point‘ ist, dass wir über die gesamte Republik verteilt viele schöne kleine lokale Gemeinschaften haben, bei denen man willkommen ist. Das würde die Kirche unterscheiden von anderen sinnstiftenden Angeboten im Web und in Sozialen Medien. Die Gemeinden vor Ort würden dabei zum „Gelingensfaktor, dass wir etwas besonderes sind“, so Heinrich.
Sie halte es außerdem für wichtig, dass Menschen, die sich freiwillig und ehrenamtlich in der Kirche engagieren, nach vorne gestellt werden, und zwar nicht nur im Sinne von „Engagement in unserer Kirche ist Dienst, sondern bringt auch was“. Es sei völlig legitim zu erkennen und auch offen zu sagen: „Es bringt mir auch persönlich etwas, wenn ich mich ehrenamtlich einbringe“.





Die Mitgliedschaftsstrukturen der Evangelischen Kirche müssten umgestaltet werden. Einerseits seien Kirchenmitglieder fest und dauerhaft gebunden – es sei denn sie treten aus. Ein-Monats-Verträge gibt es eben nicht. Und andererseits werde man bei einem Umzug in eine neue Stadt automatisch „umgemeindet“. Da reiße der Faden ab, obwohl diese Menschen gerade in einer Umbruchphase sind, die wichtig für die Bindung an die Kirche seien. Warum nicht den Menschen den Faden in die Hand geben und selbst entscheiden lassen, wann sie in die Gemeinde am neuen Wohnort wechseln möchten, fragt die Präses.
Die drei wichtigsten Themen, um die sie sich in ihrem Amt derzeit kümmert, sei zum einen die Finanz-Strategie, bei der sie es wichtig findet, dass die Landeskirchen wie beispielsweise in Bayern 10 Prozent „Risikokapital“ vorsehen „für Dinge, die wir ausprobieren wollen“. Zweites wichtiges Thema sei die Aufarbeitung und Prävention sexualisierter Gewalt. Da wolle sie sich auf Bundesebene für Unterstützungsstrukturen einsetzen.
Und schließlich Klimaneutralität und Klimagerechtigkeit auch innerhalb der evangelischen Kirche. „Wir haben ganz viele Gebäude, die nicht klimaneutral sind. Da müssen wir voran gehen“, sagt Anna-Nicole Heinrich. Die Kirche habe außerdem Kontakte zu Kirchen weltweit, die längst wiederholt Katastrophen erleben wie bei uns 2021 im Aartal, „Wir müssen uns stärker auch wieder als Anwälte dieser verbundenen Gemeinden verstehen“.
Direkte Hebel könne sie als Präses der EKD-Synode dennoch kaum in Gang setzen, denn die Hauptentscheidungen fallen in den Landeskirchen. Deshalb will sie viel in den Landeskirchen präsent sein und „nicht nur im politischen Berlin rumhüpfen“. Und für nächstes Jahr plane sie, 80 Prozent nichtkirchliche Veranstaltungen zu besuchen und nur 20 Prozent kirchliche – eben „raus aus der Bubble“.
Ein Text von
Die Nachfrage nach sinnstiftenden und orientierenden Angeboten, Impulsen und Inspiration für Herz und Geist ist hoch. Ich finde es wichtig, dass die evangelische Kirche mit ihren liberalen theologischen Ansichten für Menschen in diesen Fragen ein Zuhause bietet und das auch nach außen einladend und zeitgemäß zeigt. Deshalb engagiere ich mich gerne in der Öffentlichkeitsarbeit der Markus-Kirchengemeinde.
